Hart aber herzlich

Manchmal frage ich mich: Geht das wirklich zusammen?

Kann jemand, der hart ist, gleichzeitig auch herzlich sein? Auf Anhieb kommen mir da einige Lehrerinnen ins Gedächtnis, Mathe und Bio. Sie waren einerseits sehr hart zu sich und anderen, wenn aber mal die Maske fiel, was leider viel zu selten vorkam, trat ihre herzliche Seite zutage.

Ich glaube, dass Menschen besonders hart wirken, wenn sie meinen, sich und ihren weichen Kern schützen zu müssen. Sie haben als Kinder nicht gelernt, mit Zartheit, Sanftheit und Weichheit umzugehen. Vielleicht wurden sie von Erwachsenen oder anderen Kindern verletzt, wenn sie sich mit ihrer sensiblen Seite zeigten und haben dadurch für immer die unbewusste Entscheidung getroffen, ihr Innerstes mit einer rauhen Schale zu verschließen.

Selbst das flüssige Wasser kann weich oder hart sein. Es gibt Härtegrade im Wasser und es gibt weiches Wasser. Wasser kann fließen oder steinhart gefrieren. Immer kommt es auf die äußeren Umstände an, welche Qualität es aufweist. Am Anfang ist Wasser einfach nur H2O. Wenn es aber von der Quelle durch ein reines Bachbett fließt mit Kieseln und gesunden Ufern, dann hat es eine gute Qualität. Fließt es aber durch Industriegebiete mit viel Schmutz und Abwässern ist es verunreinigt. Enthält es viel Kalk und Chlor wird es hart und Seife schäumt nicht mehr auf oder auf dem Tee schwimmen Kalkflecken. Keiner hat die Qualität von Wasser so anschaulich dargestellt als der japanische Wasserforscher Masaro Emoto. Durch die gefrorenen Wasserkristalle kann jeder deutlich sehen, welche Bedingungen Wasser haben muss, um ein strahlend schöner Diamant zu sein.

Die äußeren Umstände sind auch für unsere Entwicklung entscheidend. Am Beginn unseres Lebens lernen wir von unseren Eltern  den Umgang mit unseren Gefühlen. Dürfen wir sie ausleben, werden wir lernen, dass Gefühle zu haben und zu zeigen nichts Schlimmes ist. Verlangen unsere Eltern aber, dass wir unsere zarte Seite unterdrücken, weil vielleicht Indianer keinen Schmerz kennen, dann reicht dieser Glaubenssatz bis ins Erwachsenenalter hinein und wird vielleicht nie korrigiert.

Gefühle wollen aber gefühlt werden. Hart ist nicht stärker als weich. Weich ist nicht schwach, sondern mutig und authentisch. Sich mit seiner zarten Seite zu zeigen bedeutet, ich stehe zu mir und meinen Gefühlen. Ich erlaube mir, berührt zu sein. Ob es Lachen oder Weinen ist. Ich zeige und teile, was in mir vorgeht.

Die andere Variante ist die gefrorene Maske, die harte Schale, die die Gefühle verdeckt oder unterdrückt, damit man nicht angreifbar wird. Immer souverän zu wirken, alles im Griff zu haben, cool aufzutreten, abgeklärt und eiskalt, das ist auf Dauer sehr anstrengend, weil es unnatürlich ist. Wir Menschen sind nicht so geschaffen. Wir haben nun einmal Gefühle von Geburt an die Wiege gelegt bekommen. Und diese wollen wahrgenommen und durchfühlt werden. Sie wollen geteilt werden, damit wir uns mit anderen verbinden können. Ihnen zeigen können, wo wir gerade stehen, was wir denken, wie es uns geht. Gefühle zeigen macht transparenter, aber nicht schwach. Im Gegenteil, sie zeigen einen ehrlichen, zu sich selbst stehenden und äußerst selbstsicheren Menschen, der sich sehr gut kennt und liebt. Diese Menschen haben Charisma, hinterlassen Eindruck, haben ein offenes Herz und wirken anziehend.

Von meinen Bio- und Mathelehrerinnen hätte ich gerne gehabt, dass sie mich mehr als Mensch gesehen hätten, als Kind und nicht nur als notenproduzierendes Wesen. Ich hätte mir mehr Wärme, Menschlichkeit, Güte und Herz gewünscht. Einen wohlwollenden Blick auf die Kinder, die ihnen anvertraut wurden. Statt dessen haben sie uns durch ihren Gefühlspanzer in Angst und Schrecken versetzt, so dass ich jedes Mal froh war, wenn die Pausenglocke die Stunde beendete. Und gelernt habe ich sowieso nichts bei ihnen, denn ich war viel zu viel damit beschäftigt, meine Angst zu bekämpfen und nicht rot zu werden, wenn ich drankam.

Ich bin ihnen nicht mehr böse, denn ich sehe heute, warum sie so agierten und nicht anders konnten. Ihr Herz wurde als Kinder verschlossen, von wem auch immer. Und sie haben nie gelernt, es wieder zu öffnen. Im Alter werden viele Menschen ja wieder weicher und gütiger. Das wünsche ich ihnen von ganzem Herzen, denn es ist schöner, im Einklang mit sich und seinen Gefühlen von dieser Erde zu gehen.

Hart aber herzlich? Ich bevorzuge den Spruch „Wasser ist stärker als Stein“.

Namasté.

20150723_211152

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s